Die zwei Schlitten
Nach dem Ordal der Karawanenroute war ich müde nach Bryn Shander hineingewankt, hungrig und verfroren - und (um ganz ehrlich zu sein) der Verzweiflung nahe. Offenbar kommt es nicht so selten vor, daß unterkühlte Fremde auf diese Weise auftauchen, da mich ein paar der Einheimischen gleich zu der Taverne 'Nordblick' schickten. 'Nordblick' - ein guter Name, der mich ein wenig an die Heimat erinnert; obwohl mir immer noch nicht ganz klar ist, was den Blick nach Norden dort von dem an anderen Stellen Bryn Shanders unterscheidet. Vermutlich eine lokale Eigenheit. So sehr mich diese Gegend auch an Sossal erinnert (von den Lichtverhältnissen einmal abgesehen) ist es doch alles anders als Zuhause, und ich sollte dies nicht vergessen.
Von dem Namen abgesehen ist auch das Essen dort gut, und vor allem heiß
und durchaus erschwinglich. Hier in den Ten Towns sind die Preise
vernünftiger als in den Heißen Landen - man will kaum glauben, was die
Halsabschneider in z.B. Westhafen oder Baldurs Tor für eine einfache, deftige Mahlzeit verlangen! Eine wohltuende Abwechslung also, die meiner Börse guttut. Wer weiß, wieviel Zeit ich hier noch verbringen muß bis sich mir mein - unser! - Ziel offenbart; ein wenig zu sparen kann also sicher nicht schaden.
Nach den gierig verschlungenen drei Mahlzeiten hatte ich meine erste Nacht in Bryn Shander in einem tiefen, erschöpften Schlaf verbracht (traumlos), und auch die Hälfte des folgenden Tages geschlafen. Die vergangenen Anstrengungen hatten ihre Spuren hinterlassen, und es tat mir gut, meine Reserven wieder aufzufüllen. Wer nicht schläft der bleibt müde, wie Onkel Vanja oft sagte. Nach dem Aufwachen pflegte ich meinen Bogen - und nur den Bogen. Ich war nicht recht in der Stimmung, die Rüstung einzulassen und jene kleinen Reparaturen vorzunehmen, die ich schon seit Luskan vor mir herschiebe; es trieb mich aus meinem Zimmer. Ich muß sehen, was ich in dem Ort über die Probleme, die diese Lande hinter dem Grat der Welt plagen, herausfinden kann: es muß einen Zusammenhang zu den Geschehnissen in der Heimat geben!
Ich war immer noch hungrig, und so begab ich mich in die Gaststube hinab um mir noch etwas von dem sättigenden Stew zu gönnen, das mir am Vorabend so gemundet hatte. Ich war mit meiner Mahlzeit fertiggeworden und überlegte mit der Hilfe eines Humpen Bieres (Schwachbier?) wie ich es anstellen sollte, die für meine Suche notwendigen Informationen zu erlangen oder auch welche das überhaupt sein könnten, als sich ein Barde - offenbar ein Mensch - auf den erhöhten Bereich in der Mitte des Schankraumes begab, eine Drehleier auspackte, und mit einer Darbietung begann. Mir gefiel die Unverfrorenheit mit der er sich seinen Platz schuf; allerdings war es mit seiner musikalischen Leistung weniger weit her. Er muß wohl einen schlechten Tag haben dachte ich mir, weiter an meinem Bier nippend.
Nachdem er sein Spiel beendet hatte (scheinbar zur Erleichterung vieler Einheimischer), sprang eine kleine Gestalt an seine Stelle - zunächst dachte ich, es sei ein Kind, doch es war ein weiterer Barde aus dem Volk der Halblinge, von denen sich in den Heißen Landen so viele finden. (Die Erfahrungen unserer Reise stehen mir noch vor Augen, und so hielt ich ein Auge auf ihn - man kann ja nie wissen mit diesen Leichtfüßen...) Auch er begann aufzuspielen - doch auch er hatte Pech, und sein Instrument - eine Panflöte - zerbrach! Das schien ihm sehr nahezugehen, was ich verstehen kann; Yeldar beschädigte einmal sein eigenes Instrument, und er war tagelang schlechter Laune. Verstimmt verzog sich der Halbling in eine Ecke.
Nach diesen beiden traurigen Vorstellungen war mir klargeworden, daß es nötig war bei allen für ein wenig bessere Stimmung zu sorgen. Vermutlich war es das Bier, das mir zu Kopf gestiegen war - denn ich stand auf und holte meine Lozhki hervor, um mich selbst an einer Darbietung zu versuchen. Ich bin kein Barde und konnte nicht hoffen, viel besser als die Beiden vor mir zu sein - doch zu meiner Überraschung war dies einer meiner besseren musikalischen Tage! Bald waren die Umsitzenden dazu übergegangen, mich mit rhythmischen Klopfen auf ihren Tischen zu begleiten. Ich hatte schon seit längerer Zeit nicht mehr so viel Spaß gehabt; dort auf der Bühne fühlte ich mich fast wie Zuhause. Es war schön zu sehen daß auch hier am Grat der Welt die Musik die Leute vereint, egal welcher Herkunft sie sind. Vater wäre stolz auf mich gewesen.
Schließlich beendete ich mein Spiel, und verließ unter zustimmendem Fußtrampeln und Gejohle den Podest. Zu meiner großen Überraschung kam eine Frau auf mich zu, bedankte sich bei mir und drückte mir ein paar Münzen in die Hand. Fast hätte ich sie ihr wieder zurückgegeben - Musik ist in solchen finsteren Zeiten Nahrung für den Geist und die Seele, und man sollte nichts für etwas, was einem selbst Freude bereitet, verlangen. Angesichts meiner unsicheren Situation behielt ich das Geld allerdings. Ich stellte mich ihr vor und fragte sie nach ihrem Namen. Akola - so ihr Name - und ich schüttelten uns die Hand; sie hatte einen kräftigen Händedruck, was mir sehr gefiel. In den vergangenen beiden Jahren haben mir zu oft Leute ihre klammen Hände in die Hand gelegt als ordentlich zuzudrücken; ein ordentlicher Händedruck ist ein Zeichen von Charakter. Ob gutem oder schlechtem Charakter sei dahingestellt, aber auf jeden Fall von Charakter! Wir kamen ins Gespräch; sie stammt nicht aus Bryn Shander, wie ich angenommen hatte, sondern aus einem Ort namens Termalaine (ich bin mir nicht sicher, ob ich das richtig schreibe, der Eintrag auf meiner Karte ist kaum lesbar). Sie und ihre Gefährten kamen nach Bryn Shander um den Bürgermeister des Ortes um Hilfe zu bitten: ihre Minen sind von Kobolden heimgesucht, was sogar schon Opfer gefordert hat.
Impulsiv bot ich ihr an, bei diesem Unterfangen zu helfen. Dabei hatten ihre Komplimente über mein Lozhki-Spiel durchaus eine Rolle gespielt (wer hört nicht gern, anderen Freude bereitet zu haben!), aber es kann nie schaden, anderen zu helfen. Außerdem will ich Kontakte hier in den Ten Towns knüpfen; es wird mir so sicher leichter fallen, meine Aufgabe zu erfüllen (...wenn das überhaupt noch möglich ist; aber trübe Gedanken sind wie schlechte Schuhe, man tut gut daran, sie nicht zu haben wenn es auch anders geht). Akola erwähnte schließlich auch, daß Termalaine eine Belohnung von 50 Gold ausgesetzt hat - eine beträchtliche Menge!
Noch während wir uns unterhielten, wurde die Eingangstür des 'Nordblick' aufgeschlagen, und eine Gruppe von Zwergen stürzten herein - halb erfroren, teils sichtbar verletzt, und deutlich aufgewühlt. Sie waren überfallen worden, und ihr Schlitten mit ihrem Handelsgut (Eisen aus ihren Minen) war den Angreifern in die Hände gefallen! Offenbar hatten sie sich heftig zur Wehr gesetzt, und einen der ihren bei dem Kampf verloren. Sie suchten nach Abenteurern, die ihren Schlitten zurückbringen würden. Der menschliche Barde, der die Musikveranstaltung des Abends eingeleitet hatte, sprach mit ihnen, und ich hatte mich in die Richtung der Gruppe geschoben. Es ist bitter, Freunde (oder Verwandte) auf so sinnlose Weise zu verlieren. Doch ich war noch nie der beste Redner unter den Nordlichtern, und hörte zunächst nur zu. Die Zwergin, eine gewisse Hruna Battlehammer, berichtete aufgewühlt von den Ereignissen; doch sie gewann nur langsam die Aufmerksamkeit einiger weniger. Da stieg der Barde auf einen Tisch und rief mit lauter Stimme (man merkte dieser Stimme ihre Übung im Redenschwingen an, gute Modulation) die sich im 'Nordblick' aufhaltenden Abenteurer dazu auf, den Zwergen zu Hilfe zu eilen. Nach nur kurzer Zeit hatte sich eine Gruppe gebildet: der Barde, ein Elf (der sich als Druide herausstellen sollte!), ein hochgewachsener Mann mit der Haut eines in den Heißen Landen Aufgewachsenen und der Statur eines Kämpen, sowie der Halbslingsbarde (der seinen Frust über den Verlust seines Instruments in einem für ihn fast zu groß wirkenden Humpen ertränkt zu haben schien). Auch ich schloß mich der Gruppe an.
Hruna Battlehammer beschrieb uns die Lage des Ortes, an dem sie ihren Schlitten zurückgelassen hatten. Mir sagte es nur wenig, aber der Barde mit der Drehorgel scheint die Gegend gut zu kennen und wußte sofort, wie wir dorthinkommen würden. Nachdem der Rest der Gruppe sich noch mit den Temperaturen angemessener Winterkleidung und Schneeschuhen ausgerüstet hatte (im 'Blackiron Blades', der Schmiede des Ortes wo man auch allerlei Ausrüstungsgegenstände für Abenteurer erwerben kann) - es ist mir ein Rätsel wie sie bislang ohne die Sachen ausgekommen waren, wohl mit der Hilfe von Magie - zogen wir los. Wir folgten dem uns beschriebenen Weg; doch bevor wir auf den Schlitten stießen zog ein Schneesturm auf! Ich war besorgt; die finsteren Wolken verhießen nichts Gutes. Glücklicherweise ist das Land hier ähnlich wie in Sossal - zwar weniger malerisch, aber die Gegebenheiten an sich (Klima und Terrain) sind mir durchaus vertraut. Es war mir möglich, ein paar größere Gesteinsbrocken ausfindig zu machen, hinter denen wir uns eingraben konnten um den Sturm so auszusitzen. Abgesehen von der geteilten Körperwärme wurden wir auch von dem Elfendruiden Liadon warmgehalten, der ein fröhliches Feuerchen flackern ließ. So ließ es sich einigermaßen aushalten; und Stunden später war der Sturm endlich vorübergezogen.
Wir hatten also viel Zeit verloren; als wir den Ort an dem die Zwerge des Battlehammer Clans ihren Schlitten zurückließen erreichten, war das Gefährt weg! Doch es war nicht alles verloren, denn die Elfenaugen Liadons und mein Geschick im Spurenlesen waren gemeinsam dazu in der Lage, den Spuren des Gefährtes zu folgen. Es war in südöstliche Richtung gebracht geworden, und zwar von sechs Wesen die Schneeschuhe trugen und leichter waren als Menschen. Es konnte sich also z.B. um Halblinge oder auch Goblins handeln. Ich war mir zwar relativ sicher, daß es Goblins und keine Halblinge waren, aber man kann ja nie wissen. Xilii, der Halblingsbarde, schien fast ein wenig erschrocken über meine Anmerkung bezüglich der Halblinge zu sein. Schlechtes Gewissen?
Ich schlich vorsichtig etwas vor dem Rest unserer Gruppe voran, um die Spuren zu verfolgen und sicherzugehen, daß wir nicht blindlings in einen Hinterhalt stolperten. Nach einiger Zeit hörte ich Stimmen - Goblins, die sich miteinander unterhielten! Und von weiter vorn ertönte das Brüllen von Eisbären!
Ich informierte meine Gefährten, und wir besprachen mit gedämpften Stimmen, was zu tun sei. Xilii hatte eine außergewöhnliche Idee: er würde mithilfe seiner bardischen Magie die Illusion erzeugen, ein Goblin zu sein (von der Größe her ideal) und versuchen, die den Eisenwaren-Schlitten begleitendem Goblins dazu zu bringen, ihre Gruppe zu teilen. Auf diese Weise hätten wir bessere Chancen, mit ihnen allen fertigzuwerden - wenn möglich sogar bevor die Eisbären ins Spiel kamen! Ich war zunächst skeptisch - aber meine Zweifel an dieser Vorgehensweise sollten sich bald zerstreuen. Gesagt, getan. Die Illusion, die Xilii wirkte, war wirklich hervorragend - er sah wirklich wie eines dieser Wesen aus, und auch seine Stimme hatte den so charakteristischen krächzenden Charakter angenommen. Er eilte auf den Wagen zu, und durch geschickten Einsatz seiner Überzeugungskraft brachte er tatsächlich drei der Goblins dazu, sich auf den Ort zuzubewegen, an dem der Rest von uns lauerte.
Der Kampf war kurz, aber brutal. Meine Pfeile trafen mit einer mir sonst unbekannten Zielsicherheit, und ich streckte fünf der Goblins nieder; ich bin immer noch stolz auf diese Leistung. Hätte ich doch so gut geschossen, als Palinka, Onkel Jurij, und ich in der Karawanenroute um unser Leben kämpften! Aber ich will nicht daran denken; es liegt hinter mir, und nun gilt es, entschlossen nach vorn zu blicken - sonst wären all unsere Opfer vergebens gewesen. Und das kann und will ich nicht hinnehmen.
Zurück also zum Kampf um den Eisenwaren-Schlitten. Wir fällten die sechs Goblins, die ihn begleitet hatten - ihr Ziel war ein in der Nacht des Tages (...Tag-Nacht?) gut sichtbarer riesiger Schlitten in dem ein Feuer glühte, gezogen von zwei mächtigen und sehr hungrig wirkenden Eisbären! Sie waren es, die wir aus der Ferne schon gehört hatten. Ich sorgte mich sehr - wir durften den Tieren nicht zu nahe kommen, denn mit ihrer Kraft würden sie uns mit Leichtigkeit zerreissen. Doch hier zeigte sich wie nützlich Druiden sind. Varis Liadon, der elfische Druide, schlich sich zu den Tieren hinüber während der Rest von uns die Besatzung bedrängte. Er sprach zu ihnen, versicherte ihnen daß wir gekommen seien um ihre Goblin-Folterer (denn es ist unnatürlich, so stolze Tiere vor einen Schlitten zu spannen!) zu richten. Offenbar versprach er ihnen auch eine Portion Goblinfleisch - was dann auch auf heroische Weise geschah, als Wilhelm mit einem mächtigen Stoß seines Schildes die Anführerin der Goblins, die mit einer Peitsche auf die Tiere eingeschlagen hatte, zwischen die beiden Eisbären stürzen ließ. Prompt stürzten sich die beiden auf ihre Quälerin und zerrissen sie. Ich war heilfroh, nicht an ihrer Stelle zu sein - obwohl es sicher ein schneller Tod war, lange kann sie unter den Hieben und Bissen nicht überlebt haben.
Nach diesem erstaunlich kurzen und unfallfreien Kampf (keiner von uns war ernsthaft verletzt geworden) befreite Varis die Bären, und wir wollten uns auf den Weg zurück nach Bryn Shander machen - den Schlitten mit den Eisenwaren würden wir selbst ziehen müssen, in Ermangelung einer Fußtruppe Goblins (oder Halblinge). Wilhelm jedoch hatte sich ganz offensichtlich in den Schlitten der Goblins verliebt - und obwohl es ein unhandliches Ding ist, das meiner Meinung nach eher wie ein gleitendes Fanal funktioniert ("hier sind wir! Leicht zu finden!"), was den praktischen Aspekt (Feuerstelle, Isolierung vor Schneestürmen) bei weitem wettmacht, wurde beschlossen, es ebenfalls mit nach Bryn Shander zu bringen. Auf dem Rückweg - auf dem wir glücklicherweise nicht erneut von einem Sturm überrascht wurden - begeisterte er sich immer mehr für die Idee, Schlittenhunde zu erstehen, die den Goblinschlitten ziehen würden. Was ich für vernünftig halte, noch einmal werde ich das Ding sicher nicht durch die Gegend ziehen helfen.
Tja, und so kam es, daß wir mit zwei Schlitten nach Bryn Shander zurückkehrten.
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